Im Angesicht des Verbrechens:
Werner, die Russen kommen!

28. April 2010
By Couchmonster

Viele Kritiker sehen in Dominik Grafs neuem Werk ein Fernsehereignis, nennen es Epos und vergleichen es mit TV-Meilensteinen wie “The Wire” oder “The Sopranos”. Diese Herrschaften brauchen dringend eine Brille. “Im Angesicht des Verbrechens” ist zwar aufwendig produziert und voller guter Schauspieler  -- aber ein automatischer Hingucker wird aus der zehnteiligen ARTE-Serie dadurch nicht.

Der deutsche Polizist fährt Fahrstuhl!

Schon der Vorspann von “Im Angesicht des Verbrechens” soll einem klarmachen, dass diese Serie ganz anders ist als “Tatort” & Co. In weniger als 15 Sekunden erscheinen in schneller Abfolge lediglich die Nachnamen der Hauptdarsteller sowie von Regisseur Dominik Graf und Autor Rolf Basedow auf dem Bildschirm. Danach ist die TV-Revolution allerdings auch schon beendet. Es folgt überzüchtetes Fernsehen mit viel Blendwerk, wenig Spannung und dem Realismus von Walt Disneys Mäusepolizei.

Dabei ist die Grundidee von Autor Basedow überhaupt nicht schlecht und tatsächlich ein wenig an “The Wire” angelehnt. “Im Angesicht des Verbrechens” soll die Zuschauer in die finstere Welt der Berliner Russenmafia führen und gleichzeitig den aussichtslosen Kampf der Polizei gegen eben diese dokumentieren. Seine Helden und Schurken sind raubeinige Ordnungshüter, aalglatte Gangsterbosse, dicke Freier, fiese Zuhälter, verträumte Prostituierte und natürlich jede Menge Osteuropäer. Letztere saufen, tanzen, singen, rauben in einer Tour und schmeißen die Wodkagläser an die Wand. Basedow macht einen Mikrokosmos auf und verliert sich sofort in ihm.

Das große Kunststück von “The Wire” bestand darin, unzählige Figuren und ihre Geschichten geschickt miteinander zu kombinieren und eine fesselnde Story zu kreieren. “Im Angesicht des Verbrechens” gelingt das nicht. Zu wirr, zu konstruiert kommt die Serie daher. Dazu liefert Basedow noch munter Szenen ab, die an Surrealismus kaum zu überbieten sind. Sei es der fröhliche Dreier nach dem Fallspringen unter Polizisten, die naive Prostiuiertenakquise zu Pferd in der Provinz oder die wahnwitzige Flucht eines Russenmafiosos aus dem Polizeirevier -- dümmer geht’s nimmer.

Dominik Graf, der sich hier mal wieder die eine oder andere Altherrenfantasie gönnt, macht mit seiner Regie das ganze Elend nur noch schlimmer. Modernes Fernsehen bedeutet für ihn den Einsatz aller stiltechnischer Mittel: Eine wackelige Handkamera soll für Authentizität, wirre Zooms sowie bescheuerte Überblenden für Action und eingestreute Zeitlupen für Dramatik sorgen. Dazu gesellen sich peinliche Soundeffekte (bekannt aus der US-Krimiserie “Law & Order”), die selbst dem unaufmerksamsten Zuschauer mitteilen: Jetzt wird es spannend! Oder auch nicht. 10 Millionen Euro hat Graf für seine Serie ausgegeben. Zu viel für die ursprüngliche Produktionsfirma Typhoon, die im vergangenen Jahr Konkurs anmelden musste.

Die Schauspieler trifft keine Schuld. Von Max Riemelt und Ronald Zehrfeld als hartes Ermittlerduo über Marie Bäumer als Mafiaboss-Gattin /Polizisten-Schwester bis zur ukrainischen Nymphe Jelena (Alina Levshin) -- sie alle spielen ihre Rollen großartig.

Bleibt nur noch die Frage, warum “Im Angesicht des Verbrechens” in den meisten Medien so frenetisch abgefeiert wird, dass man glauben muss, der Heiland des Qualitätsfernsehens sei den TV-Kritikern erschienen. Liegt es daran, dass der Einäugige König unter den Blinden ist? Oder schaut das Feuilleton einfach zu wenig Fernsehen, um den Vergleich mit britischen oder US-amerikanischen Produktionen anstellen zu können? Vielleicht ist es das klassische Phänomen, dass einer das Loblied anstimmt und am Ende alle anderen mitsingen? Nichtsdestotrotz: der Grimme- und der deutsche Fernsehpreis sind wohl unvermeidlich. Es gibt einfach keine Alternativen. Leider.

Trailer von “Im Angesicht des Verbrechens”

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7 Responses to Im Angesicht des Verbrechens:
Werner, die Russen kommen!

  1. Scream Queen on 2. Mai 2010 at 14:09

    Dankeschön. Wenn man sich im Netz so umguckt, könnte man glatt auf die Idee kommen, man sei der Einzige, der IADV für einen filmischen Totalschaden (oder die Parodie eines drittklassigen poliziotto) hält. Aber es gibt offenbar doch noch ein paar andere, die sich von den Jubelpersern der deutschen Film- und Fernsehkritik nicht Verstand und Klarsicht haben rauben lassen. Ich finde übrigens auch die Schauspielerei zumindest teilweise eine Zumutung: alberne Fantasieakzente, die nach Gusto und Gutdünken an- und abgeschaltet werden, grässliches Gehampel, das bisweilen unfreiwllig komisch wirkt; andererseits tut das Drehbuch mit seinen mitunter grauenhaften Dialogen – so weit die bei dem beschissenen Soundmix überhaupt zu verstehen sind – den Beteiligten keinen Gefallen. Von den vielen anderen Unsäglichkeiten – etwa dem leidigen Umstand, dass Graf ca. alle fünf Minuten geradezu zwanghaft mindestens ein paar Titten vor die Kamera zerren muss – nicht zu reden. Aber dass das Ding in deep shit ist, war eigentlich schon nach drei Minuten klar: Wer sich acht schier endlose Stunden Zeit nimmt, um seine Geschichte zu erzählen, dem sollte schon a bisserl was Subtileres einfallen, als seine Figuren auf denkbar plumpeste Art und Weise einzuführen und per Voiceover Namen, Alter, Dienstgrad etc. nennen zu lassen. Aber was rede ich hier eigentlich: Figuren? Fehlanzeige. Da rennt zwar ständig jemand durchs Bild und macht allerhand Gedöns, aber selbst nach vier Folgen habe ich noch immer keine Ahnung, wer die eigentlich sind, was sie wollen und warum sie handeln, wie sie handeln. Folglich ist das Ganze bei allem inszenatorischen Gewese (inkl. ziemlich hilflosen Referenzen, Reverenzen und Zitaten – “Heat”, “Don’t Look Now”, “GoodFellas” etc.; nur leider ist Graf eben kein Michael Mann, Nicolas Roeg oder gar Martin Scorsese, ja nicht einmal ein kleiner David Yates, bei dessen “Sex Traffic” man sich allem Anschein nach recht großzügig bedient hat) sturzlangweilig.

  2. Couchmonster on 2. Mai 2010 at 18:30

    Ja … das Voiceover zu Beginn hatte ich schon verdrängt. Da gehen eigentlich immer die Alarmglocken an.

  3. Stoertebeker on 6. Mai 2010 at 14:12

    Ich habe mich von den zahlreichen himmelhoch jauchzenden Kritiken zum Anschauen verleiten lassen. Und tatsächlich, da muss ich meinen Vorrednern zustimmen: Die Serie ist weder (und zwar nicht im Ansatz) realistisch, noch besonders witzig. Ein “Meilenstein” der deutschen Fernsehgeschichte sollte sie eigentlich nicht werden: Tatsächlich sind viele Dialoge dafür schlicht zu doof und die Charaktere zu klischeehaft.

    Aber dennoch finde ich “Im Angesicht des Verbrechens” gutes Fernsehen: Die Schauspieler sind wirklich klasse und das Milieu zu beobachten, das geschildert wird, macht einfach Spaß – Realismus hin oder her. Zudem finde ich’s, nach inzwischen 5 Sendungen, auch äußerst spannend: Der ein oder andere Gangster ist einem schon ans Herz gewachsen.

  4. deathmetalbandmitglied on 9. Mai 2010 at 17:30

    @Scream Queen: Wenn Du nach der 4. Folge immer noch nicht weißt, “was die da wollen”, liegt es wohl eher an Dir..
    evil – rülps

  5. Scream Queen on 12. Mai 2010 at 10:31

    @deathmetalbandmitglied
    Ich meinte Motivationen abseits ausgelutschter B-Film-Klischees wie: Mord an großem Bruder rächen, die Puppen tanzen lassen und mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen, sprich irgendetwas, das die Laufzeit von acht Stunden rechtfertigen würde. Hab aber auch nach Folge 10 eigentlich nichts dergleichen gefunden. Figurenentwicklung gleich Null, und das ganze Ding ist derart öde und redundant – es gibt ja offenbar nichts, was sich nicht mindestens fünfmal mitteilen/zeigen/dzwischenschneiden/heranzoomen ließe, damit es auch der letzte Knalldepp vor dem Fernseh noch kapiert -, dass ein gemeiner “Tatort” dagegen wie ein Leistungskurs in ökonomischem Errzählen wirkt.
    Hörnchen – knurr

  6. Couchmonster on 12. Mai 2010 at 16:10

    Ich mag die Scream Queen.

  7. [...] Im Angesicht des Verbrechens [...]

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